Vertiefung
Zur Orientierung
Der Hauptsatz besagt, dass die Ableitung einer Integralfunktion $I_a$ zu einer Randfunktion $f$ die ursprüngliche Randfunktion $f$ ergibt. Bisher wurde dieser Zusammenhang nur anhand von Beispielen überprüft und mit Hilfe inhaltlicher und geometrischer Betrachtungen plausibel gemacht. In diesem Abschnitt werden wir den Satz beweisen. Der Beweis zeigt zum einen, dass der Zusammenhang tatsächlich gilt. Zum anderen macht er deutlich, warum der Zusammenhang besteht.
Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung
Betrachte eine Randfunktion $f$, die in einem Intervall $a \le x \le b$ keine Sprungstellen
hat (bzw. in diesem Intervall stetig ist).
Dann ist die Integralfunktion $I_a$ für alle $x$ aus dem Intervall $a \le x \le b$ differenzierbar und es gilt:
$I_a'(x) = f(x)$
Also: Die Ableitung einer Integralfunktion $I_a$ zur Randfunktion $f$ ergibt die ursprüngliche Randfunktion $f$.
Zur Vorbereitung einen Zusammenhang über mittlere Funktionswerte betrachten
Aufgabe 1
- Im Applet ist eine Randfunktion $f$ vorgegeben. Diese beschreibt die Entwicklung der Änderungsrate eines Bestandes. Mit dem Kontrollkästchen [$\color{#7D7DFF}\blacklozenge$] kann man Hilfspunkte einblenden, mit denen man den Graph von $f$ variieren kann.
- Auf der $x$-Achse sind zwei Stellen (bzw. Zeitpunkte) $x_1$ und $x_2$ mit beweglichen roten Punkte $\color{red}\blacklozenge$ markiert.
- Wir betrachten das Integral $I_f = \int\limits_{x_1}^{x_2} f(x) \; dx$. Diese Integral beschreibt die Gesamtänderung des Bestandes im Intervall $x_1 \le x \le x_2$.
- Kann man das Integral $I_f$ mit einem
mittleren Funktionswert
(bzw. mit einer mittleren Änderungsrate) $f(z)$ zu einerZwischenstelle
$z$ aus dem Intervall $x_1 \le x \le x_2$ darstellen? Gesucht ist also eine Stelle $z$ aus dem Intervall $x_1 \le x \le x_2$, so dass $I_f$ dem orientierten Flächeninhalt des orange eingefärbten Rechtecks entspricht. - Um das experimentell herauszufinden, befindet sich ein beweglicher Punkt $\color{#7D7DFF}\blacklozenge$ M auf Graph $f$. Zusammen mit den Stellen $x_1$ und $x_2$ wird das orange eingefärbte Rechteck gebildet. Platziere $M$ so, dass $I_f = I_g$ (in etwa) gilt, wobei $I_g = \int\limits_{x_1}^{x_2} g(x) \; dx = (x_2 - x_1) \cdot f(z)$ den orientierte Flächeninhalt des Rechtecks beschreibt.
Zum Herunterladen: mittelwertsatz1.ggb
Aufgabe 2
- Im Applet ist eine weitere Randfunktion $f$ vorgegeben.
- Kann man das Integral $I_f$ mit einem
mittleren Funktionswert
(bzw. mit einer mittleren Änderungsrate) $f(z)$ zu einerZwischenstelle
$z$ aus dem Intervall $x_1 \le x \le x_2$ darstellen? Gesucht ist also eine Stelle $z$ aus dem Intervall $x_1 \le x \le x_2$, so dass $I_f$ dem orientierten Flächeninhalt des orange eingefärbten Rechtecks entspricht. - Zeige experimentell, das es bei der vorgebenen Funktion keinen solchen
mittleren Funktionswert
zu einerZwischenstelle
$z$ aus dem Intervall $x_1 \le x \le x_2$ gibt. Erläutere, woran das hier liegt.
Zum Herunterladen: mittelwertsatz2.ggb
Aufgabe 3
Erläutere, was der folgende Mittelwertsatz im Kontext Entwiclung der Änderungsrate eines Bestandes
besagt.
Mittelwertsatz der Integralrechnung
Betrachte eine Randfunktion $f$, die in einem Intervall $x_1 \le x \le x_2$ keine Sprungstellen
hat (bzw. in diesem Intervall stetig ist).
Dann gibt es eine Zwischenstelle $z$ in diesem Intervall (d.h. $x_1 \le z \le x_2$), so dass das Integral von $f$ zum betrachteten Intervall dem Produkt
aus der Intervalllänge und dem Funktionswert $f(z)$ entspricht.
$I_f = \int\limits_{x_1}^{x_2} f(x) \; dx = (x_2 - x_1) \cdot f(z)$
Den Funktionswert $f(z)$ kann man als einen mittleren Funktionswert
ansehen.
Den Hauptsatz verstehen und beweisen
Der Hauptsatz verbindet die fundamentalen Konzepte
Zum Herunterladen: hauptsatz5.ggb
Aufgabe 4
Verdeutliche die folgenden Argumentationen anhand des Applets. Nutze dabei die Einblendmöglichkeiten mit den Kontrollkästchen.
Schritt 1: die Ausgangssituation bzw. die Voraussetzungen klären
- Im unteren Fenster ist eine Randfunktion $f$ vorgegeben. Mit dem Kontrollkästchen [$\color{#7D7DFF}\blacklozenge$] kann man den Graph von $f$ variieren. Belasse es für die folgenden Überlegungen aber beim voreingestellten Graph. Beachte, dass Graph $f$ keine Sprungstellen hat (bzw. stetig ist).
- Im oberen Fenster ist der Graph einer zugehörige Integralfunktion $I_a$ dargestellt. Für $a$ ist der Wert $a = 1$ voreingestellt. Für die folgenden Überlegungen spielt die Wahl von $a$ keine Rolle. Belasse es also beim voreingestellten Wert.
- Wir betrachten eine Stelle $x$ aus der Definitionsmenge von $f$. Voreingestellt ist der Wert $x = 3$. Mit dem roten Punkt $\color{red}\blacklozenge$ auf der $x$-Achse kann man diese Stelle variieren. Belasse es für die folgenden Überlegungen aber beim voreingestellten Wert.
Schritt 2: die Behauptung klären
- Behauptet wird, dass die Integralfunktion $I_a$ für alle $x$ aus dem Intervall $a \le x \le b$ differenzierbar ist und dass $I_a'(x) = f(x)$ gilt.
- Die Ableitung $I_a'(x)$ erhält man als Grenzwert von Differenzenquotienten: $I_a'(x) = \lim\limits_{h \rightarrow 0}{\frac{I_a(x+h)-I_a(x)}{h}}$. Das funktioniert nur, wenn der Grenzwert der Differenzenquotienten existiert.
- Der Differenzenquotient $\frac{I_a(x+h)-I_a(x)}{h}$ beschreibt die mittlere Änderungsrate der Integralfunktion $I_a$ im Intervall von $x$ bis $x+h$. Geometrisch kann man diesen Differenzenquotient als Sekantensteigung deuten.
- Der Grenzwert $I_a'(x) = \lim\limits_{h \rightarrow 0}{\frac{I_a(x+h)-I_a(x)}{h}}$ beschreibt die lokale Änderungsrate der Integralfunktion $I_a$ an der Stelle $x$, sofern er existiert. Geometrisch kann man diesen Grenzwert dann als Steigung von Graph $I_a$ an der Stelle $x$ bzw. als Steigung der Tangente an Graph $I_a$ an der Stelle $x$ deuten.
- Die Behauptung lässt sich also so deuten: Die lokale Änderungsrate der Integralfunktion an der Stelle $x$ existiert und stimmt mit der dem Funktionswert der Randfunktion an der Stelle $x$ überein.
Schritt 3: den Differenzenquotienten im unteren Koordinatensystem deuten
-
Die Integraldifferenz $I_a(x+h)-I_a(x)$ entspricht dem Integral von $f$ von $x$ bis $x+h$: $I_a(x+h)-I_a(x) = \int\limits_{x}^{x+h} f(x) \; dx$.
Das kann man sich im Kontext
Bestandsentwicklung
klarmachen: Die Gesamtänderung von $a$ bis $x+h$ entspricht der Gesamtänderung von $a$ bis $x$ plus der Gesamtänderung von $x$ bis $x+h$. Bei dieser Überlegung sind wir von $h > 0$ ausgegangen. Für $h \lt 0$ gilt analog $I_a(x) - I_a(x+h) = \int\limits_{x+h}^{x} f(x) \; dx$. - Da die Randfunktion stetig ist, kann man für $h > 0$ die Integraldifferenz $I_a(x+h)-I_a(x) = \int\limits_{x}^{x+h} f(x) \; dx$ mit einem mittleren Funktionswert $f(z)$ an einer Zwischenstelle $z$ aus dem Intervall von $x$ bis $x+h$ beschreiben: $I_a(x+h)-I_a(x) = f(z) \cdot h$. Analog kann man für $h \lt 0$ die Integraldifferenz $I_a(x) - I_a(x+h) = \int\limits_{x+h}^{x} f(x) \; dx$ mit einem mittleren Funktionswert $f(z)$ an einer Zwischenstelle $z$ aus dem Intervall von $x+h$ bis $x$ beschreiben: $I_a(x) - I_a(x+h) = f(z) \cdot (-h)$. Beachte, dass die Intervallbreite hier $-h$ beträgt.
- Durch Umformen erhält man (für beliebige $h$) die Gleichung $\frac{I_a(x+h)-I_a(x)}{h} = f(z)$. Der Differenzenquotient $\frac{I_a(x+h)-I_a(x)}{h}$ entspricht also dem Funktionswert von $f$ an einer Zwischenstelle $z$ aus dem Intervall von $x$ bis $x+h$.
Schritt 4: den Grenzwert des Differenzenquotienten im unteren Koordinatensystem deuten
- Für $h \rightarrow 0$ zieht sich das Intervall von $x$ bis $x+h$ auf die Stelle $x$ zusammen. Die Zwischenstelle $z$ nähert sich somit immer mehr der betrachteten Stelle $x$. Da die Funktion stetig ist, gilt $f(z) \rightarrow f(x)$ für $z \rightarrow x$ bzw. $h \rightarrow 0$.
- Mit $\frac{I_a(x+h)-I_a(x)}{h} = f(z)$ erhält man so: $\frac{I_a(x+h)-I_a(x)}{h} \rightarrow f(x)$ für $h \rightarrow 0$. Die Ableitung $I_a'(x)$ existiert also und es gilt $I_a'(x) = \lim\limits_{h \rightarrow 0}{\frac{I_a(x+h)-I_a(x)}{h}} = f(x)$.